Die Geschichte unserer Wallfahrt und wie alles begann
von Kerstin Jung, Vorstand Schmücke Pferdewallfahrt e.V.
Wir schreiben das Jahr 2006 und das 5. Jahr unserer Wallfahrtsgeschichte.
Immer wieder werde ich von Leuten gefragt, was es denn mit unserer Wallfahrt so auf sich hätte, warum wir sie durchführen, wer daran teilnehmen kann und, und, und ….ob Journalisten oder Pferdefreunde – die Fragen kehren immer wieder und lassen sich nun einmal nicht mit 3 Sätzen beantworten.
Für alle, die sich dafür interessieren, möchte ich hier etwas ausführlicher darüber berichten, wie alles begann und wie es sich entwickelt hat.
Seit 1995 lebe ich mit meiner Familie in Gehlberg. Reiten ist unser Hobby, unser „Reitplatz“ ist die Natur der Thüringer Berge. Gehlberg ist ein gemütliches Bergdorf in der höchsten Gemarkung Thüringens, unweit des Rennsteiges und nicht weit von Oberhof entfernt. Herrliche Wälder, weite Wiesen – eine wahrlich traumhafte Landschaft, in der sich Naturliebhaber tummeln.
Im Jahr 2002 machte die Thüringer Landesregierung „Ernst“ mit der Novellierung des Thüringer Waldgesetzes. Demnach war geplant, das Reiten im Wald grundsätzlich zu verbieten und nur noch auf ausgewiesenen Reitwegen zu gestatten. Vielleicht wäre dieses Gesetz ganz still und heimlich verabschiedet worden, aber Dank rühriger Pferdefreunde von VfD und AfW in Thüringen wurden Scharen von Reitern mobilisiert, gegen dieses Ansinnen vorzugehen.
Die Logik, warum man das Reitrecht derart einschränken wollte, ist vielen – und auch mir, bis heute nicht plausibel.
Da war von „Wegeschäden“ die Rede, die nie jemand zu Gesicht bekam und die nie nachgewiesen werden konnten, vorausgesetzt, man kann den Abdruck eines Pferdes von dem eines Jeeps auf dem Waldweg unterscheiden.
Da war von „Ruhestörung des Wildes“ erzählt worden, worüber ich nur Lachen kann – welch eine Verdummung der Menschheit – aber meist nur ein Reiter weiß, dass er zu Pferd viel näher an das Wild herankommt, als die meisten Jäger, weil das Wild vor allem den Geruch der Pferde wahrnimmt. Und Pferde, so weiß auch jedes Reh, sind keine Raubtiere, vor denen man panisch flüchten muss. Wir erleben es immer wieder, dass wir an Wildgruppen vorbei reiten können, die sich nicht stören lassen oder dass Rehe oder Hirsche unseren gemütlichen Galopp in einiger Entfernung über längere Strecken begleiten.
Zu guter letzt sollen es die Wanderer gewesen sein, die sich darüber beschwert haben, dass im Wald geritten wird. Mir ist ein solcher Wanderer bis heute nicht begegnet!! Im Gegenteil, die Wandersleute kramen hektisch in ihren Rucksäcken nach ihren Fotoapparaten, wenn sie uns kommen sehen, um einen Schnappschuss zu machen.
Natürlich gibt es auch unter den Reitern „schwarze Schafe“, aber die gibt’s unter den Autofahrern auch, und kein Mensch käme auf die Idee, deshalb Autofahren zu verbieten.
Nun, mit all unseren Argumentationen liefen wir bei den Befürwortern des Gesetzes gegen Wände. Eine Form von Ohnmacht ergriff uns. Wir bekamen zwar Unterstützung von vielen Seiten – von Reitsportverbänden, von Landräten, von Tourismusverbänden – doch es schien eine Macht im Hintergrund zu geben, die stärker war, eine größere Lobby besaß und/oder (blaublütig-adlige) Druckmittel zur Verfügung hatte, um die Reiter aus dem Wald zu verbannen.
In dieser Zeit wurde in Reiterkreisen viel diskutiert, ob und welche Aktionen man durchführen könnte oder sollte, um auf das Problem aufmerksam zu machen. An der breiten Öffentlichkeit ging die Thematik weitgehend vorbei. Kaum ein Wanderer oder Radfahrer weiß, dass es überhaupt ein Waldgesetz gibt, welches auch ihm gewisse Pflichten auferlegt. Reiter in Thüringen haben hingegen mit Vorurteilen zu kämpfen. Von „Herrenreiterei“ ist da die Rede. Da wird schnell vergessen, dass Reittouristik für viele kleine Höfe eine Existenz ist, die Arbeitsplätze sichert und dass viele Reitvereine unglaubliche Arbeit bei der sinnvollen Freizeitgestaltung von Kindern und Jugendlichen leisten, und dass Reiten auch sportliche Betätigung ist. Eine Reitbeteiligung über ein ganzes Jahr kann preiswerter sein als 2 Wochen Skiurlaub in den Alpen. Es sind bei weitem nicht die „Reichen & Schönen“, die dieses Gesetz getroffen hätte! Es sind die kleinen Betriebe, die Reitvereine, die Tourismusbranche – es sind die Menschen, die unsere Natur lieben, es sind die Reitmädchen, die den letzten Cent Taschengeld in eine Möhre für ihr Lieblingspferd investieren! Aber auch das wollte man in Erfurt nicht hören! Man zeichnete in der Öffentlichkeit das düstere Bild wild galoppierender Reiterhorden, die kreuz und quer durch die Wälder jagen, alles nieder reiten, Mütter mit Kinderwagen in die Büsche treiben und in Anlehnung selbst gesehener amerikanischer Wild-West – Filme glauben bis heute viele Leute, dass es so ist. Sie haben vielleicht noch nie ein Pferd im Wald gesehen, da Thüringen im bundesweiten Vergleich mit Reitern wirklich dünn besiedelt ist, aber wenn es so erzählt wird, dann muss es wohl so sein! Und haben sie mal einen Wanderreiter zu Gesicht bekommen – na klar – der sah genau so aus, wie die im Film – großer Hut, langer Mantel und darunter wahrscheinlich ´nen Revolvergürtel.
Für Anfang September 2002 war im Landtag die Anhörung zu diesem Gesetz geplant. Es sollte, wie sich später heraus stellte, die Anhörung mit den meisten Zuschauern in der Geschichte unseres Landes werden. Die Ränge waren gefüllt mit Reitern und Pferdefreunden.
Im August entwickelte sich aus einer Diskussion unter uns Reitern heraus – ob man nun an diesem Termin gesammelt nach Erfurt reiten sollte, oder was man tun könnte – die Idee, nicht in die Stadt, sondern ins Herz des Thüringer Waldes zu reiten. Genau dort hin, von wo man uns per Gesetz verbannen wollte – wo es angeblich Unmengen an Wegeschäden geben sollte, wo die Mütter mit den Kinderwagen noch immer verzweifelt in den Hecken hockten und sich wegen der wilden Reiter nicht hervor trauten, wo angeblich Wanderer mit erhobenen Wanderstöcken versuchen die reitenden Naturzerstörer aus dem Wald zu treiben. Mit der „Schmücke“, quasi vor unserer Haustür, fanden wir ein Ziel und einen Ort, der für viele das Herz des Thüringer Waldes darstellte – die Gipfelregion an den 3 höchsten Erhebungen unseres Landes, das touristische Kernstück des Rennsteiges.
Hinzu kam, dass die Geschichte der Schmücke eng mit dem Thema Pferd verbunden ist. Denn als die Schmücke 1516 erstmals urkundlich erwähnt wurde, standen hier Stallungen zur Pferde- und Rinderzucht. Die Pferde waren hier, bevor der erste Adel Einzug halten konnte! Später beherbergte sie Händler mit ihren Fuhrwerken. Diese Händler machten den Rennsteig zur Handelsstraße, ihre Fuhrwerke ließen jene Wege entstehen, die unsere Pferde angeblich heute zerstören. Pferde waren es auch, welche die ersten Touristen in den Thüringer Wald brachten. Pferde rückten den Menschen das Holz aus den Wäldern und halfen, die steilen Bergwiesen zu bewirtschaften. Als wir bei unseren Recherchen über die Pferde der Schmücke dann noch auf die Sagen vom „Pferd im Teufelsbad“ (dem nahe gelegenen Hochmoor zwischen Schmücke und Schneekopf) und dem unheimlichen „Reiter in den Teufelskreisen“ stießen – da war die Idee zu unserer Wallfahrt geboren.
Gesagt, geplant, getan – am Samstag vor jener Anhörung im Landtag sollten sich Thüringens Pferde in der höchsten Gemarkung unseres Landes treffen. Im Arnstädter Pfarrer Teichert fanden wir einen großen Unterstützer dieser Idee. Auch wenn zu erwarten war, dass die wenigsten der Teilnehmer eine kirchliche Bindung hatten. Es wurde ein Aufsehen erregendes Ereignis. Über einhundert Reiter und Pferdegespanne waren dem Aufruf spontan gefolgt. Die Straßen rund um die Schmücke waren zugeparkt von Schaulustigen, Touristen und Einheimischen. Fotoapparate klickten um die Wette. Pfarrer Teichert sprach von der Achtung, welche wir Menschen den Pferden entgegen bringen sollten. Er sprach von der Bedeutung dieser treuen Gefährten für den Menschen, und von der Verantwortung, welche wir den Tieren gegenüber haben. Er sprach uns allen aus dem Herzen und jeder von uns – ob Kirchenmitglied oder nicht - schickte Stoßgebete gen Himmel, die Politiker würden doch noch zur Vernunft kommen.
Diese Gebete wurden nicht erhört, denn das Gesetz wurde wie geplant verabschiedet. Bis zum heutigen Tag hat es dem Steuerzahler hunderttausende Euro gekostet – praktikabel umgesetzt wurde es nie! Nach nur 5 Jahren sind viele Wege noch nicht gekennzeichnet, andernorts sind die Reit-Schilder von - nun tatsächlich - erbosten Wanderern, die leider oftmals die Zusammenhänge nicht kennen, wieder abgerissen worden. Denn viele Waldnutzer sehen die Reitwege-Schilder und glauben nun, die Wege seien nur für Reiter reserviert. Dass dies niemals im Interesse der Reiter war, eigene Wege zu bekommen, sondern dass die Reiter darauf „gezwungen“ werden sollten, ist den meisten Wanderern oder Radfahrern nicht bekannt. Ich habe von Regionen gehört, da haben die Förster gleich von vornherein gesagt, die schildern nichts aus und die Reiter sollten ruhig weiter ihrer Wege reiten, wie bisher auch. Im rechtlichen Sinne ist dies eine Aufforderung zum Begehen einer Ordnungswidrigkeit, denn wer auf einem nicht gekennzeichneten Weg reitet, müsste laut Gesetz ein Bußgeld bezahlen.
Bis heute haben sich wohl die meisten mit der Situation arrangiert. Eigentlich auch nur deshalb, weil es zwar ein Gesetz gibt – es aber so wirklich niemanden mehr interessiert. Bis auf ein paar Ausnahmen reitet wieder jeder seine Wege, weil der Forst, wie er von sich selber sagt, wichtigere Aufgaben im Wald hat, als Polizei zu spielen. Wie vorher spricht man sich ab – mit Jägern und Förstern. Wird ein Weg gebaut, wird Holz abgefahren, ist ein Wiesenweg vom Regen aufgeweicht oder wird eine Treibjagd veranstaltet – dann reitet man eben einen anderen Weg, Kennzeichnung hin oder her!
Da mag man glauben, alles sei doch „in Butter“. Lassen wir es halt so laufen? Es gibt ein Gesetz, und wen stört es denn, dass es niemanden stört? Bloß das heiße Eisen nicht mehr anfassen? Sollten wir Angst haben, dass die Forstämter „eins auf den Deckel“ bekommen, weil sie es mit der Ausschilderung und Durchführung nicht so ernst nehmen?
Nein! Dort wo es gewollt ist, müssen wir Partner der Förster werden, um diesen Unsinn gemeinsam zu beenden! Seit der ersten Wallfahrt haben wir beschlossen, diese zum wiederkehrenden Ereignis zu machen. Viel zu lang ist jeder von uns für sich seiner Wege geritten, deshalb gab es keine Lobby für die Pferde in Thüringen. Nicht bei der breiten Öffentlichkeit, nicht bei der Politik! Die Rolle als reitende Ruheforscher in der Natur war uns lieber, während andere Interessengruppen am politischen „Stammtisch“ mit allen verfügbaren Mitteln ihre Vorstellungen erfolgreich durchdrückten. Der Gesetzgeber hat uns jetzt im wahrsten Sinne des Wortes auf einzelnen Wegen zusammen gedrängt. Die Pferdefreunde Thüringens sind dadurch enger zusammen gerückt, sind aus den Wäldern heraus ins Licht der Öffentlichkeit geritten. Jedes Jahr wieder treffen wir uns auf der Schmücke, damit nicht wieder jemand vergisst, wie wichtig, wie wertvoll und wie schön Thüringens Pferde sind. Damit angesichts der wachsenden Zuschauerzahlen niemand mehr versucht der Öffentlichkeit zu erzählen, wir wären unerwünscht bei Wanderern und Gästen! Die Wallfahrt ist ein Stück Lobby geworden, die es zu pflegen gilt. Sie bringt uns Geselligkeit und sie lässt uns in Kontakt bleiben. Sie ist eine Wallfahrt für alle Pferdefreunde. Ob einzeln oder in Gruppen, ob mit Kutsche, Englisch-, Western- oder Freizeitreiter – hier finden alle zueinander. Je mehr, desto besser!
Das Gesetz gehört in die Tonne. Zuviel Geld hat es verschlungen und nichts gebracht. Die Leute, die das verbockt haben, gehören eigentlich zur Rechenschaft gezogen. Die Tatsache, dass die Umsetzung nicht funktionierte, darf uns nicht zur Zufriedenheit gereichen. Denn noch immer gibt es die Reittouristikbetriebe, deren Existenz durch diese Regelungen gefährdet ist. Jeder potentielle Feriengast mit Reitambitionen wird davon abgeschreckt und fährt lieber nach Bayern. Was soll man dem Kunden auch mitteilen? Kommt ruhig, wir haben zwar Vorschriften, aber die interessieren niemanden? Sind die Reitbetriebe in Gefahr, sind es die Reitvereine am Ende auch. Was wird aus der mühsam aufgebauten Kinder- und Jugendbetreuung? Wo doch gerade der Umgang mit Pferden für Kinder eine nicht zu ersetzende Kommunikationsschule bedeutet.
In den vielen Jahren, in denen ich als Gastronom in Thüringen tätig bin, fragen die Gäste regelmäßig, wieso es denn in unseren Regionen keine richtigen Bergbauern mehr gibt. Wer nach Bayern fährt, findet auch in (weit) höheren Lagen noch Kühe auf den Weiden, Pferde, Rinder oder Schafe. Da kräht auch morgens noch der Gockel auf dem Misthaufen. Allenortens gibt es Bauern, die frische Kuhmilch anbieten, Eier von eigenen Hühnern, oder sie veranstalten Kutsch- oder Pferdeschlittenfahrten. Andere Bundesländer tragen ein Pferd in ihrem Landeswappen. Und sie tun dies mit Stolz! Durchreist man diese Länder findet man überall herrliche Gehöfte, unendliche Viehweiden und ländliche Atmosphäre. DAS nenne ich Landurlaub! Nicht nur Land & Leute, sondern auch Tiere hautnah zu erleben.
Denn das ist es ja, was auch uns alle an unserem „Pferdevirus“ so begeistert. Es ist die Achtung, die wir dem Pferd entgegenbringen, wenn wir mit ihm und von ihm lernen. Und so wie wir die Pferde achten, achten wir die Natur, in der wir uns bewegen. Wir lieben die Wälder, die wir durchstreifen und die Tiere, die wir bei unseren Ausritten beobachten können. Wir genießen diese Musik aus dem Rauschen des Windes und dem zufriedenen Schnaufen unserer Pferde.
Einem Pferd ist es egal, wer Du bist oder was Du bist. WIE Du bist und WAS Du tust ist wichtig und die Grundlage seiner Entscheidung, Dir zu vertrauen und Dir deshalb zu folgen. Ein Pferd lässt sich nur führen von dem, der Führungsqualitäten besitzt. Ich wünschte mir, es wäre in unserem täglichen Menschenleben auch so, nur wird hier oft Führungsqualität mit Macht verwechselt. Eben auch deshalb brauchen wir Menschen Gesetze!
Manchmal, so denke ich, sind Pferde einfach „die besseren Menschen“!
Wir sind stolz auf die Verantwortung, die wir in der täglichen Betreuung und Fürsorge für die Pferde tragen, und dankbar für die Treue, mit der die Pferde uns Menschen dafür belohnen. So war es früher, so ist es heute!
Damit all dies nicht verloren geht, zerredet und vergessen wird, deshalb gibt es unsere Wallfahrt!